Heimkehr – Eine Lebensgeschichte

Heimkehr – Eine Lebensgeschichte

Rezension von Max Eipp

„Ja mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht. Dann mach noch einen zweiten Plan, gehen tun sie beide nicht.“ (Bertolt Brecht)

Nelles‘ Biografie ist weniger eine Chronik als eine Betrachtung. Er geht nicht streng chronologisch vor, sondern mäandert gedanklich um die entscheidenden Ereignisse seines Lebens herum. Erinnerungen, Einsichten und Rückblicke verbinden sich miteinander. Dabei entsteht allmählich etwas, das größer ist als die Summe der einzelnen Episoden: eine Lebensgeschichte, in der sich eine bestimmte Bewegung erkennen lässt. Demut vor dem Leben, das nicht – wie das heute gerne gesehen wird – UNSER Werk ist, vielmehr sind wir ein Werk des Lebens, das durch uns hindurchströmt. Fast wie der Hegelsche Weltgeist, der in seiner Vergegenständlichung zu sich selber kommt, sich selbst erkennt.

Heimkehr, das ist nicht nur die Rückkehr an einen Ort. Nelles kehrt tatsächlich im späteren Leben an einen Heimatort zurück. Der Junge, der in der Eifel, in der Enge des kleinen Dorfes Marmagen aufgewachsen ist, verlässt diese Begrenzung. Er geht hinaus in die Welt, sucht Erfahrungen, nimmt an geistigen und gesellschaftlichen Bewegungen teil, begegnet Menschen und Ideen, die sein Leben verändern. Und schließlich kommt er zurück – in die Eifel, an den Ort seiner Herkunft. Aber natürlich kommt er nicht als derselbe zurück.

Heimkehr bedeutet hier nicht Rückkehr in einen früheren Zustand. Im Gegenteil: Man kann erst heimkehren, wenn man fortgegangen ist. Das Fremde muss erfahren, die Welt muss gesehen, das Eigene verlassen worden sein. Erst dann kann der ursprüngliche Ort eine andere Bedeutung bekommen. Aus der Enge der Kindheit kann Heimat werden.

Damit berührt Nelles einen Heimatbegriff, der viel weiter reicht als das derzeit moderne, etwas abgegriffene Wort vom „Safe Space“. Bei Ernst Bloch heißt es: „Heimat, was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war.“ Heimat wäre demnach nicht einfach der Ort, an dem wir uns sicher fühlen. Heimat ist etwas, das uns vorausliegt und erst im Laufe des Lebens gefunden werden kann. Etwas, zu dem wir unterwegs sind. In eben diesem Sinne ist Heimkehr eine Geschichte der Bewusstwerdung.

Die großen Stationen dieser Bewusstwerdung sind bei Nelles seine Begegnung mit Osho, damals noch Bhagwan, die Auseinandersetzung mit Bert Hellinger und dem Familienstellen und schließlich die Entwicklung seines eigenen therapeutischen Systems, des Lebensintegrationsprozesses (LIP). Man kann diese Stationen als geistige Entwicklungsgeschichte lesen: als aufeinanderfolgende Versuche, dem menschlichen Leben und seinen Verstrickungen auf die Spur zu kommen – was bei Nelles heißt, mehr und mehr die Vorstellung aufzugeben, dass man das Leben steuern oder kontrollieren könnte.

LEBENSGESCHICHTE – wie er das Buch im Untertitel nennt, ist eben nicht zu allererst eine Geschichte seines Lebens, sondern eine Geschichte, in der das Leben sich am Beispiel seiner Person zeigt. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Perspektivwechsel. Der Mensch erscheint dann nicht mehr als souveräner Autor seines Lebens, der es nach eigenen Vorstellungen entwirft. Er ist derjenige, durch den hindurch etwas geschieht.

Daraus ergibt sich das Motiv der Hingabe, das sich durch Nelles’ Denken zieht. Wenn das Herz den Weg spürt, muss ich vertrauen, muss ich mich nur hingeben. Das klingt zunächst beinahe banal. „Das Einfache, das schwer zu machen ist“ (nochmal Brecht). Denn Hingabe bedeutet, den Anspruch aufzugeben, das Leben vollständig zu kontrollieren und nach einem eigenen Entwurf herstellen zu müssen.

Am Ende des Buches wird diese Frage radikal. Es geht nicht mehr nur um Gelassenheit, um die Fähigkeit, das eigene Leben anzunehmen. Es geht um das Loslassen. Um das große Loslassen von dieser Welt. Es geht um Alter und Tod. Und der wird plötzlich seltsam leicht. Er ist auch nur eine weitere Station.

Damit bekommt der Titel seine letzte Bedeutung. Heimkehr bezeichnet nun nicht mehr die Rückkehr an einen geografischen Ort, sondern die Bewegung des Lebens selbst: hinaus in die Welt, durch Erfahrungen und Bewusstwerdung hindurch – und schließlich zurück in das, was vielleicht immer schon da war.

Nelles hat mit Heimkehr keine klassische Autobiografie geschrieben. Wer eine lückenlose Chronologie oder eine möglichst objektive Lebensbeschreibung erwartet, wird an seinem mäandernden Erzählen vielleicht Anstoß nehmen. Wer dagegen bereit ist, sich auf die eigentümliche Bewegung des Buches einzulassen, bekommt etwas anderes geschenkt: eine Biografie als Einladung zur eigenen Selbstbefragung.

Für den jüngeren Leser ist es durchaus ein Stück Zeitgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Für mich, der ich eher in Nelles‘ Alter bin ist es eine interessante, manchmal auch sentimentale Reise durch mein eigenes Leben, wenn er an Orten ist, an denen ich auch war oder von Personen erzählt, die ich teilweise persönlich kenne.

Für den Leser, der noch keines seiner psychologisch-spirituellen Bücher gelesen hat, kann es eine Einladung sein, die Gedanken, die er in Heimkehr anreißt, in anderen Werken von ihm zu vertiefen. Für mich, der ich die meisten seiner Bücher kenne, war es jetzt noch einmal eine schöne Reflektion, zu sehen welche Gedanken in welchen Zusammenhägen entstanden sind.

Veröffentlicht am 28.08.2026

Heimkehr – Eine Lebensgeschichte