Der Vagabund, der an unserer Tür rüttelt: Über das Ich und den Ruf der Seele

Der Vagabund, der an unserer Tür rüttelt: Über das Ich und den Ruf der Seele

Von Wilfried Nelles
Vortrag zur Sommerakademie des Nelles-Instituts am 12.07.2025

In der Nacht hatte ich einen Traum. Ich war auf einer großen Veranstaltung, bei der ich reden sollte. Jemand kam auf mich zu und sagte, ich müsste jetzt etwas singen. Ich entgegnete, „Ich dachte, ich soll einen Vortrag halten, und ich bin doch erst später dran“. Doch die Person insistierte: „Nein, du musst jetzt singen.“

Ich sagte: „Was soll ich denn singen? Ich habe keine Texte und Noten dabei“, bin dann aber vors Publikum getreten, ohne zu wissen, was ich singen soll. Jemand rief: „Sing xyz!“ Aus der anderen Ecke rief ein anderer: „Nein, sing abc!“ Ich dachte mir, bevor die sich jetzt streiten, welches Lied ich singen soll, singe ich einfach irgendein Lied, das ich auswendig kann. Dann fiel mir eins ein, und ich hatte plötzlich meine Gitarre im Arm und habe es gesungen. Als ich im Traum bei der vierten Strophe angekommen war, wurde mir auf einmal bewusst: „Das ist ja ein Lied über die Seele!“ Mit diesem Gedanken bin ich aufgewacht.

Ich kenne dieses Lied seit 50 Jahren und singe es immer wieder mal. Bisher ist mir nie aufgefallen, dass es dabei um die Seele oder den Ruf der Seele geht. Im Traum war aber ganz klar: „Das ist ein Lied über die Seele.“ Dann kam mir ein sehr beunruhigender Gedanke: „Du musst dieses Lied morgen singen. Damit fängt dein Vortrag an.“

Dann geschah das, was immer passiert, wenn die Seele zu einem spricht: Sofort meldet sich der Verstand und versucht, das Ganze unter Kontrolle zu bringen. Er fängt an zu argumentieren: „Muss ich das wirklich? Oder lasse ich es lieber sein? Wie soll ich das machen? Was werden die Leute denken, wenn du einfach ein Lied singst? Ich bin doch nur ein kleiner Hobbymusiker, muss das jetzt auch noch sein?“ Der Verstand dreht sich im Kreis, aber ich habe es gelernt, mich nicht darum zu kümmern und ihn plappern zu lassen. Auch wenn es mir ziemlich mulmig war, wusste ich: Ich werde morgen singen.

(Die Assistenten bringen Wilfried Nelles seine Gitarre sowie Mikrophon- und Notenständer und er beginnt zu singen)

You must leave now, take what you need, you think will last
But whatever you wish to keep you better grab it fast
Yonder stands your orphan with his gun
Crying like a fire in the sun
Look out the saints are comin’ through
And it’s all over now, Baby Blue

The highway is for gamblers, better use your sense
Take what you have gathered from coincidence
The empty-handed painter from your streets
Is drawing crazy patterns on your sheets
The sky, too, is folding under you
And it’s all over now, Baby Blue

All your seasick sailors, they are rowing home
Your empty handed armies, are a going home
The lover who just walked out your door
Has taken all his blankets from the floor
The carpet, too, is moving under you
And it’s all over now, Baby Blue

Leave your stepping stones behind you, something calls for you
Forget the dead you’ve left, they will not follow you
The vagabond who’s rapping at your door
Is standing in the clothes that you once wore
Strike another match, go start a new
And it’s all over now, Baby Blue

 

Bob Dylan. Die Vergangenheit ist vorbei, etwas Neues ruft dich. „Lass die Toten zurück, sie werden dir nicht folgen!“ Bob Dylan hat gern Anleihen aus der Bibel genommen. „Lass die Toten ihre Toten begraben“ sagt Jesus zu einem seiner Jünger. Und dann der Schluss des Liedes: „Strike another match, go start a new“ – „Zünde ein neues Streichholz an und fang neu an.“ So spricht die Seele zu uns.

Nachdem ich aufgewacht war, habe ich die nächste Stunde – oder sogar länger, es war etwa drei Uhr morgens –wachgelegen, und mein Verstand war damit beschäftigt, mich retten zu wollen. Das ist die Aufgabe des Verstandes: uns in Sicherheit zu bringen, alles abzuchecken, damit nur nichts schief geht. Innerlich habe ich dann meine ganze Rede gehalten – natürlich nicht die, die ich jetzt halte, irgendeine imaginäre Rede. Wenn der Verstand in der Nacht einmal anfängt, sich in ein Thema zu vertiefen und zu denken, lässt er sich kaum noch aufhalten. Zum Glück nehme ich das nicht mehr ernst. Ich lasse ihn einfach denken und schaue ihm dabei zu – schließlich ist das ja seine Aufgabe und er macht nur seinen Job. Man muss sich nicht allzu sehr darum kümmern, sonst wird es zu Stress.

Aber auch wenn ich dabei ganz ruhig bleibe, hält das Denken mein Herz in Trab, es schlägt schneller und ich bleibe wach. Das ist nicht angenehm, macht mir aber nicht mehr viel aus, außer dass ich dann morgens nicht ganz ausgeschlafen bin. In meinen Dreißiger- und Vierzigerjahren ging das aber so weit, dass ich richtige Panikattacken bekommen habe – so heftig, dass ich mehrmals den Notarzt gerufen habe und einmal ins Krankenhaus gebracht wurde. Panikattacken sind im Grunde nichts anderes als die Angst, die uns überkommt, wenn das Ich die Kontrolle verliert.

Das passiert, wenn die Seele ruft oder uns anspricht. Dieser Ruf fordert uns auf, in einen neuen, unbekannten Raum einzutreten. Was das genau ist und was einen dort erwartet, weiß man in der Regel nicht. Manchmal ahnt man etwas, aber es bleibt ungewiss. Das macht natürlich Angst, wenn es sich um etwas Wichtiges handelt. Vor allem dann, wenn man, wie es bei mir immer war, keine Ahnung hat, wo es denn hingehen soll. Dann fängt der Verstand an zu rattern und denkt sich alle möglichen Szenarien aus. Wie gesagt: Er erfüllt dabei nur seine Aufgabe – er versucht uns zu retten, uns wieder auf sicheres Terrain zu bringen. Wo gibt es noch ein Geländer? Wo kann ich mich festhalten? Wie kann ich wieder Kontrolle gewinnen? Wenn ihm das nicht gelingt, bricht Panik aus.

Das ist eine uralte Geschichte, die in uns allen abläuft, seit Anbeginn der Menschheit. Der Verstand erzählt uns ständig, wie wir Sicherheit gewinnen können. Er besteht aus der Erinnerung an das, was uns einmal gerettet hat, was uns geholfen hat zu überleben. Und die Fähigkeit, sich an diese Überlebenshilfen zu erinnern, sie zu kommunizieren und mit anderen zu teilen, hat dazu geführt, dass sich der Mensch evolutionär über alle anderen Arten hinweg entwickeln konnte. Obwohl wir von Natur aus nicht besonders gut ausgestattet sind, haben wir es auf diese Weise geschafft, die Welt – mehr oder weniger – zu beherrschen.

In meinen Dreißigern habe ich gespürt, dass mein Weg in die Wissenschaft, den ich bis dahin eingeschlagen hatte und der sich ganz selbstverständlich ergeben hatte, zu Ende geht. Dies geschah, als meine Frau mit unserem ersten Kind schwanger war, also in einer Lebensphase, in der man sich normalerweise etabliert oder etablieren sollte. In dieser Zeit kam dieser „Ruf der Seele“ – „strike another match go start a-new“. Ich habe das damals nicht so benannt, ich hatte nicht die Vorstellung: „Das ist jetzt der Ruf der Seele.“ Ich wusste nur, dass etwas zu Ende geht, auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte. Ich habe es verdrängt und einige Jahre mit mir gekämpft, denn als Politologe an der Uni hatte ich nichts Handfestes gelernt, womit ich eine Familie ernähren konnte. Außerhalb der Universität hatte ich – auch, weil ich dort eine Führungskraft gewesen war – so gut wie keine Perspektiven.

Der Ruf der Seele ist kein angenehmes Erlebnis. „The vagabond is rapping at your door“, singt Bob Dylan – die Seele als Vagabund, das gefällt mir. Wenn der an deiner Tür rappelt, ist das keine schöne Erfahrung, sondern die ultimative Herausforderung. Damals habe ich wie aus dem Nichts Herzrasen bekommen, so heftig, dass ich dachte, ich sterbe. Es ist natürlich bequem, heute hier in diesem Sessel zu sitzen und zu sagen: „Es war alles gut und richtig so.“ Aber damals hat sich das schon anders angefühlt. Heute weiß ich: Ohne diese Erfahrung wäre ich tot – nicht körperlich, aber seelisch wäre ich gestorben.

Es muss nicht immer etwas Großes sein wie das Ende einer beruflichen Laufbahn. Es können auch kleinere Ereignisse sein, doch immer ruft uns die Seele aus der Zukunft. Und die Zukunft hat etwas Unheimliches an sich – wir können sie nicht vorhersehen und damit kontrollieren. Heute versucht man das mit Computermodellen, aber die sagen nichts über die Zukunft, sondern sie berechnen nur die Vergangenheit und projizieren sie nach vorne – und das auch noch sehr schlecht. Das ist genau das, was unser Verstand macht, der Computer ist nur ein besserer Verstand. Wobei das Unheimliche an der Zukunft eigentlich etwas ganz Wunderbares ist. Denn ich möchte ja gar nicht wissen, ob ich in fünf, zehn, fünfzehn Jahren oder schon in drei Monaten sterbe. Gerade das Ungewisse, das Unplanbare macht das Leben lebendig und wertvoll. Gleichzeitig aber löst genau diese Ungewissheit bei uns eine große Angst aus.

Diese Angst entspringt dem Ich, dem Ego, dem Verstand, der sagt: „Wenn ich nicht mehr weiß, wo ich die Schraube ansetzen soll, dann verliere ich die Kontrolle.“ Diese Angst erreicht heute wahnsinnige Dimensionen. Je mehr wir uns in die Vorstellung verrennen, das Leben müsste vollkommen kontrollierbar sein, umso schlimmer wird die Angst. Wir glauben, wir müssten alles im Griff haben.

Heutzutage ist die ganze Welt von Künstlicher Intelligenz besessen. Wenn mir vor zehn oder fünfzehn Jahren jemand „KI“ gesagt hätte, hätte ich wahrscheinlich an die Fußballzeitschrift „Kicker“ gedacht – mehr nicht. Heute hat irgendwie jeder mit KI zu tun. Warum? Was bringt uns KI? Vor allem Sicherheit. KI kann vieles besser. Im Auto gibt es heute schon überall Warnleuchten, piepsende Signale oder Eingriffe von Assistenzsystemen. Und wenn bald wirklich autonomes Fahren möglich ist, wird das vor allem durchgesetzt, weil man sagt: „Das ist sicherer.“ Es ist KI, es ist sicherer, und es ist bequemer.

Der Ruf der Seele ist genau das Gegenteil: ein Ruf ins Unbekannte, in einen Raum, den wir nicht kontrollieren und vorhersehen können. Das betrifft nicht nur die Technik oder die Wirtschaft, da macht das Sicherheitsdenken sogar Sinn. Ich möchte nicht in einem Flugzeug sitzen, das nicht sicher ist und keine Sicherheitskontrollen und -systeme hat. Da passt dieses Denken. Das gilt für alles Gemachte, für alles, dem kein Geist innewohnt. Eine Maschine, ein Haus, alles von Menschen Gemachte, ist etwas Totes. Da gibt es keine Zukunft, es bewegt sich nicht und wächst nicht. Irgendwann verfällt es, diesen Verfall kann man berechnen, da kommt einem nichts Neues, Unvorhersehbares aus der Zukunft in die Quere, da ist Kontrolle richtig und wichtig. Wir übertragen das inzwischen aber auf unser inneres Leben, auf das Leben selbst. Das Leben ist jedoch das Gegenteil: Bewegung, Offenheit und Unsicherheit. Berechnung und Kontrolle töten die Lebendigkeit.

Leider wird diese Übertragung auch im therapeutischen Raum praktiziert, nicht nur in der offiziell anerkannten Ich-Psychotherapie, sondern zum Beispiel auch bei Familienaufstellungen. Da werden dann Fragen wie die folgenden gestellt: „Ich habe eine neue Beziehung und wir wollen schauen, ob noch alte, unverarbeitete Seelenanteile da sind, die uns vielleicht daran hindern, dass die Beziehung gut funktioniert“. Man will sich nicht mehr in eine Beziehung hineinfallen lassen und die Aufstellung soll einem Sicherheit geben. Oder: „Ich bin schwanger und möchte noch etwas aufarbeiten, damit mein Kind nicht die Lasten meiner Vorfahren tragen muss.“ Das sind alles Rettungsprojekte, die aus dem Ich kommen. Sie sagen: „Ich will wissen, wie ich es richtig mache. Ich will die Zukunft kontrollieren.“ Und nicht wenige Aufsteller folgen dem dann. Damit stehen sie nicht im Dienst der Seele – wie es bei Bert Hellinger der Fall war, der solchen Ansinnen nie gefolgt ist -, sondern im Dienst des Ich.

Die Zukunft hat etwas an sich, was sie nicht greifbar macht: Es gibt sie noch nicht, und sie kommt aus dem Nichts. Das ist genau wie mit der Seele: Sie lässt sich auch nicht greifen, denn eigentlich gibt es sie gar nicht. Sie ist ein Nichts, das wirkt – ein wunderbarer Satz von Wolfgang Giegerich.

Zu diesem Nichts eine kurze Anmerkung: Malte hat gestern darüber gesprochen, dass die Wissenschaft – auch die Psychologie – die Seele verneint, weil sie sie nirgendwo finden kann. Wer hat schon einmal das Ich gefunden? Wo sitzt das Ich im Körper? Wenn die Seele ein grüner Punkt wäre, wäre das Ich dann ein roter Punkt? Wo genau sitzt das Ich? Vielleicht im linken Knie? Kann man es im MRT sehen?

An das Ich glaubt heute jeder. Die gesamte Psychotherapie dreht sich um Ich-Stärkung und allerlei Ich-Konzepte. Doch gefunden hat es bisher noch niemand, gesehen hat es auch noch keiner. Das Ich ist nichts weiter als ein Konzept. Aber ein sinnvolles Konzept. Für mich ist das Ich die Summe aller Rettungsmaßnahmen und Rettungsbewegungen – sowohl im persönlichen Leben als auch auf kollektiver Ebene. Das geht zurück bis in die Urzeiten der Menschheitsgeschichte. Allerdings: Wenn es nur ums Ich geht, bliebe alles so, wie es war. Wir würden uns keinen Millimeter bewegen.

Wenn wir aus der Perspektive des Ich in die Zukunft blicken, ist die Zukunft nichts anderes als die Projektion unserer Vergangenheit nach vorne – meine Ich-Bedürfnisse, die ich in die Zukunft übertrage und erreichen möchte. Diese Zukunft ist nichts, was einfach auf uns zukommt, und damit ist es überhaupt keine Zukunft. Sie ist das exakte Gegenteil: das, was wir aus der Vergangenheit heraus nach vorne projizieren, um das wirklich Neue, das Unbekannte, zu vermeiden. Die Zukunft, die wir uns erträumen, erwünschen und erhoffen, auch die, die uns die Computermodelle prognostizieren, ist nichts als Vergangenheit.

Die Seele aber ruft uns immer wieder auf, in die Offenheit zu treten, ins Unbekannte, und die Toten hinter uns zu lassen. Nur darin liegt Lebendigkeit. Auch wenn die Seele ebenfalls nur ein Konzept ist, ein Wort, ein Begriff, mit dem wir etwas zusammenfassen, das wir nicht wirklich erklären können: Sie wirkt und ist damit wirklich. Sie ist eine ständige Störung – eine beständige Herausforderung für unser bequemes Weiterleben. An diese Störung knüpfen wir unsere Arbeit an. Mit dieser Störung gehen wir mit. Wir versuchen, diesem Ruf zu folgen.

Wenn wir, wie es in der Therapie oft geschieht, fragen: „Was will mir die Seele mit diesem Traum oder dieser Geschichte sagen?“, versuchen wir wieder, es unter Kontrolle zu bringen – Rettungsbemühungen. Das können wir nicht vermeiden. Persönlich wie auch als Menschheit haben wir überlebt, weil wir immer wieder gerettet wurden. Und wenn wir gerettet wurden, setzt sich das Muster, das uns gerettet hat, in uns fest – bis die Seele so lange in uns bohrt und an uns rüttelt, bis es nicht mehr funktioniert. Wenn es hart auf hart kommt, werden wir krank. Bei einer ernsthaften Erkrankung kommt immer eine Botschaft der Seele zu uns. Auch hier mischt sich sofort unser Ich ein und sagt: „Was bedeutet diese Krankheit? Ich muss es herausfinden. Ich muss wissen, was diese Krankheit bedeutet.“ So glauben wir, sie wieder im Griff zu haben.

Das funktioniert nicht. Was wir dann bekommen, sind Theorien über Krankheiten, Erklärungen, was Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen bedeuten, was Herzrasen bedeutet und so weiter. Und Schuldgefühle: Was habe ich falsch gemacht? Es gibt viele Bücher dazu, man kann darin Anregungen finden. Aber meistens geht es dabei darum, das Ganze festzumachen, sich zu retten vor dieser unverschämten Seele, die an uns rüttelt und uns herausziehen will – in etwas Neues führen will.

Ich durfte das selbst erleben, als ich vor zwei Jahren die Diagnose „hochaggressiver Prostatakrebs“ bekam. Die übliche Haltung ist: Man muss sofort etwas machen, den Krebs bekämpfen. Medizinisch, im Sinne des Überlebens (nur darauf ist die Medizin ausgerichtet), macht das Sinn, aber nicht auf der seelischen Ebene, nicht im Sinne des Lebens, der Lebendigkeit. In der Psychotherapie, auch den meisten alternativen, auch den so genannten „spirituellen“ Ansätzen, lautet die Frage dann: Wo kommt er her, was habe ich falsch gemacht, was muss ich anders machen? Klar, auch ich möchte, solange es geht, weiterleben. Ich war immer ein lebensfroher Mensch und bin es bis heute. Wenn es eine Möglichkeit gibt, mich vor einem schnellen Tod oder vor Schmerzen zu bewahren, dann ist daran nichts auszusetzen. Gleichzeitig wusste ich vom ersten Moment an: Ich habe diesen Krebs bekommen, weil ich ihn brauche.

Wozu ich ihn brauche, wusste ich nicht. Ich habe es mich auch nicht gefragt, ich habe mich einfach vom Krebs bewegen lassen. Heute dämmert mir manches, die Bewegung ist noch längst nicht zu Ende. Zwei Jahre sind vergangen, viel ist passiert, und manchmal sehe ich, wohin mich die ganze Geschichte führt und wovon sie mich wegführt. Wenn ich nicht an dem festhalte, wovon sie mich wegführt, sondern offen schaue, wohin es gehen könnte – ohne es zu wissen –, dann öffnen sich ungeahnte Türen. Völlig ungeahnte Türen.

Wir können uns von etwas Altem wegbewegen und zugleich versuchen, das Alte mitzunehmen und daran festzuhalten. Man kann die Toten auch im Weitergehen mit sich herumschleppen. Das tun die meisten. Wir könnten uns aber auch einfach umdrehen. Ich zitiere noch einmal Jesus: „Lass die Toten ihre Toten begraben. Komm und folge mir.“ Für mich bedeutet das: Folge dem Ruf der Seele, lass Dich ins Unbekannte führen.

Ich bin mir ganz sicher: Niemand in diesem Raum wäre hier, wenn ihn nicht irgendetwas in seinem bequemen Dahinleben so massiv gestört hätte, dass es nicht mehr weiterging. Natürlich wehrt ihr euch alle — und ich will mich da nicht ausschließen — immer wieder dagegen, noch weiterzugehen, immer weiter. „Es ist doch jetzt endlich genug“, denkt man sich. Gleichzeitig möchte der eine oder andere sogar erleuchtet werden. Dazu möchte ich eines sagen, woran keiner von denen, die erleuchtet werden wollen, denkt: Erleuchtet zu werden bedeutet, alles zu verlassen – wirklich alles.

Dazu gibt es eine schöne Geschichte von Rabindranath Tagore, dem großen indischen Dichter. Nach vielen, vielen Wiedergeburten ist ein Mann es endlich satt. Als er erneut an dem Eingang zum Nirwana vorbeikommt — scheinbar gibt es dort, ähnlich wie bei uns, ein Himmelstor — bittet er den Türsteher um Einlass und sagt: „Bitte lass mich rein. Ich bin so oft wiedergeboren worden, ich war in so vielen Gestalten, ich bin es satt.“ Der Türsteher fragt: „Bist du dir wirklich sicher?“ „Ja, warum nicht?“, antwortet der Mann. „Wenn du hier eintrittst“, warnt der Türsteher, „gibt es keine schönen Frauen mehr, kein gutes Essen, keinen Wein — alles vorbei. Es gibt nichts mehr, absolut nichts.“ Daraufhin sagt der Mann: „Okay, dann mache ich noch ein paar Runden.“

Die Seele ist nichts anderes als die Bewegung des Geistes in der Welt. Der Geist selbst ist vollkommen unbewegt, doch er manifestiert sich in der Welt als Bewegung. Die Seele ist diese Bewegung, die am Ende wieder zu sich selbst, zum Geist, zurückfinden will.

Mein Modell der Bewegung des menschlichen Bewusstseins, das ihr hier auf dem Boden grob dargestellt seht, beschreibt diesen Prozess: Wir kommen aus einem unbekannten Raum — niemand weiß, wo wir vor unserer Geburt waren. Und wir gehen auch wieder in diesen Raum, lösen uns darin auf. Manche glauben zu wissen, dass sie vor der Geburt woanders waren und erzählen von Wiedergeburt oder Ähnlichem. Aber im Grunde wissen wir nichts. Niemand weiß, woher das Leben kommt und wohin es geht, niemand weiß, warum es existiert, warum ausgerechnet ich existiere und warum ich so bin, wie ich bin. Es ist einfach geschehen, ohne jedes Warum, und ich bin dieses Geschehen.

Wir kommen aus einem vollkommen unbekannten Raum, den ich den Geist nenne. Aus diesem Geist entsteht unser Dasein, er ist dieses Dasein, und dieses Dasein bewegt sich. Ohne den Geist wären wir nur Materie, wie Puppen, es würde nichts wachsen. Obwohl unser Ich ständig daran arbeitet, alles festzuhalten, gibt es in unserem Leben nichts Festes. Nichts, absolut nichts. Wir empfinden unseren Körper als fest, doch er ist es nicht. Unser Körper ist ständig in Bewegung, nicht nur äußerlich, sondern auch und vor allem im Innern – alles in uns ist Bewegung.

In dem Moment, in dem ich ein Wort sage, ist es schon wieder verschwunden. Alles in uns ist ein ständiges Entstehen und Vergehen, eine unaufhörliche Bewegung. Nichts bleibt, gar nichts. Diese Bewegung ist immer Schöpfung und Zerstörung zugleich. Es gibt keine Schöpfung, nichts Neues, ohne dass etwas Altes zerstört wird. Im Grunde sterben wir in jedem Moment und werden zugleich wieder geboren.

In „Liebe, die löst“, meinem ersten Buch über Familienaufstellungen, habe ich geschrieben: Es gibt nichts Festes, keine feste Form. Damals habe ich das auf die sogenannten „Ordnungen der Liebe“ bezogen, die als feste Ordnungen verstanden werden. Diese festen Ordnungen gibt es nicht. Meine Hand zum Beispiel ist eine perfekte Form, eine perfekte Ordnung, so perfekt, dass wir sie bisher nicht nachbilden konnten. Gleichzeitig bewegt sich diese Hand nur, weil die Ordnung, die sie ist, im selben Moment immer wieder zerstört wird. Es fällt uns schwer, das zu verstehen, aber es verhält sich mit allem Lebendigen so: Jede Form erhält sich, indem sie zerstört und zugleich – ich betone: zugleich, nicht nachher – wieder neu geschaffen wird. Ganz korrekt müsste man sagen; indem sie aus dem Innern des Lebens heraus wieder neu entsteht. Dieser Vorgang ist das, was wir „Leben“ nennen.

Als ich das damals – das Buch ist 2002 veröffentlicht worden – geschrieben und bei Konferenzen vorgetragen habe, wollte niemand das hören. Alle wollten nur die festen Ordnungen haben. Dass sich die Ordnung sofort wieder auflöst und zerstört, das wollte keiner wissen. So wurde ich in der Szene zum Außenseiter — doch mit dieser Rolle fühle ich mich heute sehr wohl.

Wenn wir uns den Lebenskreis anschauen, mit dem wir im Lebensintegrationsprozess arbeiten, dann sehen wir: Es geht immer wieder darum, Altes zu verlassen und Neues zu betreten. Altes zu verlassen, Neues zu betreten — und zwar nicht nur in großen Etappen, wie ich es hier grob dargestellt habe. Auf einer tieferen Ebene geschieht das in jedem Moment.

Unsere Arbeit besteht darin, dieser Bewegung des Lebens, die die Bewegung der Seele ist, nachzuspüren und ihr zu folgen. Das bedeutet für mich Psychologie und Psychotherapie – die Lehre von und der Dienst an der Seele.

 

Veröffentlicht am 06.08.2026

 

 

Der Vagabund, der an unserer Tür rüttelt: Über das Ich und den Ruf der Seele