Brauchen wir Heilpraktiker?

Brauchen wir Heilpraktiker?

Ein Kommentar zu den Plänen des Gesundheitsministeriums zur Änderung bzw. Abschaffung des Heilpraktikerberufes
von Malte Nelles

Im Schatten der gegenwärtigen Corona-Krise gibt es eine Entwicklung, die die Gesundheitsversorgung in Deutschland grundsätzlich verändern könnte. Das Bundesgesundheitsministerium hat ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, in dem die Veränderung inklusive der Möglichkeit zur Abschaffung des Heilpraktikerberufes geprüft werden soll.

Die Situation des Heilpraktikerberufes

Der Heilpraktikerberuf ist eigentlich eine Kuriosität in einem so durchgeregelten Gesundheitssystem wie dem deutschen. Seine Existenz verdankt sich nur historischen Zufällen. Die Heilzulassung erlangt man nicht – wie bei anderen Berufsausbildungen üblich – durch das Lernen von medizinischen Inhalten und Behandlungsmethoden. Das ist zwar Bestandteil der vielen auf dem Markt angebotenen Ausbildungen, wird aber bei der Zulassung nicht geprüft. Stattdessen muss der angehende Praktiker in einer amtsärztlichen Prüfung nachweisen, dass er keine „Gefahr für die Volksgesundheit“ darstellt. Die Zulassung orientiert sich damit am allerkleinsten gemeinsamen Nenner: Ein Heilpraktiker muss insoweit diagnostizieren können, dass er keine allzu großen gesundheitlichen Schäden anrichtet. Was er oder sie jedoch mit dem jeweiligen Patienten macht, liegt abseits hiervon in der Freiheit des Praktikers und seines Klienten, der – mit Ausnahme von Beihilfen durch Zusatzversicherungen – die Gesundheitsleistung aus eigener Tasche bezahlt.

All dies ist den Vertretern des institutionalisierten Gesundheitssystems schon lange ein quälender Dorn im Auge, denn es geht angeblich zu Lasten der Qualität der Gesundheitsdienstleistungen und Patientensicherheit. Nach einer Umfrage des Bundesverbandes deutscher Heilpraktiker besuchen hochgerechnet 128.000 Menschen in Deutschland jeden Tag einen Heilpraktiker. Selbst wenn die Zahl zu hoch kalkuliert sein sollte, zeigt sich darin das große Vertrauen, das Menschen in Deutschland in „alternative“ Heilbehandlungen haben.

Erwachsene Wahlentscheidung freier Bürger

Ich möchte hier nicht verschweigen, dass ich selbst nicht wenige Praktiken, die unter dem Mantel des Heilpraktikergesetzes geschehen, gruselig finde. Für eine Zeit war ich Mitglied einer Gruppe für heilkundliche Psychotherapie in einem sozialen Netzwerk und war erschrocken über die Naivität und Unwissenheit im dortigen Austausch über die Therapie von Klienten. Auch kann ich mich als kritisch denkender Mensch wenig für Aurabehandlungen und ähnliches begeistern.

Aber meine persönlichen Vorlieben sind bei den Abschaffungsplänen des Berufsbildes nicht der Punkt, denn es sind meine Vorbehalte, und es steht mir frei, wem ich als Patient meine Gesundheit anvertraue und wofür ich mein Geld investiere. Es geht um die persönliche Wahlfreiheit und um das Leitbild eines erwachsenen, selbstverantwortlichen Bürgers, dem es freigestellt ist, ob er sich zum Beispiel im Falle einer Krebserkrankung einer Chemotherapie, einer Bachblütenbehandlung, einer Psychotherapie oder gar nichts von alledem unterzieht und die Freiheit in Anspruch nimmt, an einer Erkrankung sterben zu dürfen oder, so etwas kommt auch vor, ohne Behandlung gesund wird. Die von Gesundheitsminister Jens Spahn als Argument für die Abschaffung bzw. Einschränkung vorgebrachte „Patientensicherheit“ hat vor allem einen Hintergrund: Man nimmt dem als zu dumm wahrgenommenen Menschen seine freie Entscheidung ab. Das ist Paternalismus in Reinform und konterkariert das Leitbild des mündigen Bürgers in einer liberalen Demokratie. Es widerspricht auch den Grundlagen des demokratischen Repräsentationsgebots: Wenn Millionen Menschen im Jahr zum Heilpraktiker gehen, ist dies eine eindeutige demokratische Wahlentscheidung für den Heilpraktikerberuf.

Qualität in der Ausbildung – eine persönliche Erfahrung

Zum Thema der „Qualitätssicherung“ möchte ich eine persönliche Erfahrung beisteuern, die die Problematik vielleicht ein wenig verdeutlichen kann.  Als ich mein Studium der Politikwissenschaft beendet hatte, habe ich begonnen, mich intensiv für Psychotherapie zu interessieren. Ich wollte Psychoanalytiker zu werden und die alte Königsdisziplin der Seelenkunde gründlich erlernen. Bis zur Reform des Psychotherapeutengesetzes in den 1990ern wäre dies möglich gewesen, aber in meiner Zeit durften die staatlich anerkannten psychotherapeutischen Lehrinstitute keine anderen Akademiker als Ärzte und Diplompsychologen mehr ausbilden.

Früher gab es den sogenannten Laienanalytiker, also Psychoanalytiker, die weder Mediziner noch Psychologen sind. Sigmund Freud stand der „Laienanalyse“ sehr positiv gegenüber, aber der auf ihn zurückgehende Begriff zeigt doch die Herablassung des medizinischen Establishment gegenüber den „Laien“, auch wenn ohne diese die Psychotherapie viel ärmer wäre, gehören doch neben vielen anderen so wichtige Persönlichkeiten wie Otto Rank, Erich Fromm, Bert Hellinger oder Wolfgang Giegerich dazu, die das psychotherapeutische Denken und die Praxis nachhaltig geprägt haben.

Um mein eigenes Bestreben kurz zu machen: Es war nicht möglich, obwohl man mich nach informellen Aussagen der betreffenden Institute gerne genommen hätte. Alle Wege waren verschlossen, abgesehen von dem zum Ende meiner Zwanziger noch einmal Psychologie oder Medizin zu studieren, Studiengänge, bei denen es bei vielleicht optimistisch geschätzt bei 5% des Lehrinhalts um Wesentliches für die psychotherapeutische Arbeit mit Menschen geht.

Die Heilerpraktikererlaubnis für Psychotherapie war für mich die einzige Möglichkeit, mit Menschen therapeutisch arbeiten zu dürfen. In manchen Kreisen bedeutet dies, dass ich per definitionem als Kurpfuscher gelte. Ich werde höchstwahrscheinlich nie als Redner zu psychotherapeutischen Fachkongressen eingeladen, da ich nicht derselben beruflichen Kaste angehöre wie die anderen, obwohl ich in meiner Ausbildungstätigkeit für unser Institut viele Fachärzte und Psychologen weitergebildet habe.

Der Heilpraktiker ist die einzige realistische Möglichkeit für Menschen, die sich aufgrund ihrer Lebenserfahrungen dazu „gerufen“ fühlen, therapeutisch zu arbeiten. Davon abgesehen werden für den Beruf des Psychotherapeuten ausschließlich Menschen selektiert, die mit 18 ein perfektes Abitur hatten, um die hohen NCs in Medizin und Psychologie zu erreichen. Das ist ein fraglicher „Qualitätsstandard“ für eine Arbeit, in der es darum geht, Menschen zu begleiten, deren Leben durch Brüche, Fehler und eben nur in den seltensten Fällen durch die besten Noten gezeichnet ist.

Heilpraktikern wird von staatlicher Seite pauschal vorgeworfen, dass ihre Ausbildung keine ausreichende Qualität besäße und sie deshalb eine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung darstellen. Das erste mag in vielen Fällen durchaus stimmen, das zweite in Einzelfällen auch. Letzteres kann man, wenn man möchte, der Medizin aber ebenfalls vorwerfen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele ihrer Behandlungen zu anderen und manchmal schlimmeren Krankheiten, auch Sucht und zum Tod führen. Wenn wir die vereinzelten Todesfälle, die direkt durch heilkundliche Behandlungen verursacht wurden mit den Todesfällen, die durch Behandlungsfehler, medikamentöse Nebenwirkungen, Infektionen in Krankenhäusern etc. der konventionellen Medizin aufrechnen, käme für letztere sicherlich kein schmeichelhaftes Ergebnis dabei heraus. Dies kann alles auch letztlich keine Ausbildung verhindern, denn es kommt darauf an, was der spätere Arzt oder Therapeut daraus macht. Das gilt für gilt für Ärzte und Diplompsychologen genauso wie für Heilpraktiker.

Wider das Diktat der evidenzbasierten Medizin

Das Heilpraktikergesetz sichert bei uns einen guten Rest Freiheit und gesunde Anarchie im Gesundheitssystem. Alle, die sich an einen Heilpraktiker wenden, machen damit indirekt auch eine lebensphilosophische und gesundheitspolitische Aussage, die von hoher Wichtigkeit erscheint: Sie richten sich gegen das moderne Glaubensbekenntnis der evidenzbasierten Medizin, die sich nur auf große empirische Datenerhebungen stützt. Diese Datenerhebungen sind extrem kapitalintensiv und können nur von Interessenten finanziert werden, die über entsprechende wirtschaftliche Mittel verfügen. Bei uns ist dies vor allem die Pharmaindustrie. Die evidenzbasierte Medizin hat uns weder vor Contergan bewahrt noch vor der Verabreichung von schwersten suchterzeugenden Opioden bei teilweise harmlosen Schmerzsymptomatiken in den USA, und sie schützt auch nicht vor der geist- und gefühllosen Praxis einer „manualgestützen Psychotherapie“, die sich an den Definitionen und Handlungsanweisungen von Handbüchern anstatt am lebendigen Menschen orientiert.

Wie geradezu albern der Allmachtsglaube an die evidenten Daten im Gesundheitsbereich ist, zeigt sich in der aktuellen Corona-Krise. Während die Zahl der Neuinfektionen jeden Tag durch den Nachrichtenticker geht und wir hieran die Schließung von Schulen, Isolierung alter Menschen in Altenheimen und den Konkurs von hunderttausenden Unternehmen hängen, wissen wir alle nicht, ob wir nun eigentlich doppelt, dreimal oder zehnmal so viele tatsächliche Infizierte haben. Nur eines ist klar: Dass die Zahl der Infizierten falsch ist und wir nie wissen werden, wie viele Menschen gerade wirklich das Virus in sich tragen (zumindest solange wir uns weigern, dem Staat per App und Sensoren jeden Tag unsere Biodaten zur Verfügung zu stellen, was ja vielerorts schon von Seiten der Politik und Epidemiologen gefordert wird).

An dieser Stelle ist mir wichtig zu betonen, dass ich nichts gegen empirische Studien und statistische Erhebungen habe. Sie haben in unserem Erkenntnissystem über die natürliche (und teilweise auch über die soziale und seelische) Wirklichkeit einen wichtigen Platz und Zweck. Diesem können sie aber nur dienen, wenn ein wacher Geist mit ihnen umgeht, sie interpretiert und auch um die Beschränktheit ihrer Aussagekraft weiß.

Die Geheimnisse der Heilung – Placebo, Beziehung, Vertrauen

Menschen, die eine Heilpraktikerpraxis besuchen, entscheiden sich damit – zumindest implizit, meistens aber ganz bewusst –  gegen das heilkundliche Leitbild einer Diktatur gesundheitlicher Daten. Und sie bekommen dort etwas anderes, was als Heilfaktor viel wesentlicher ist als all die spezifischen Methoden, die man ihnen dort angedeihen lässt. Ihnen sitzt ein Mensch gegenüber, der sich Zeit für sie nimmt. Ich selber habe mehrfach homöopathische Behandlungen absolviert. Die Theorie der Homöopathie konnte mich dabei allenfalls metaphorisch überzeugen und die „Erfolge“ der Therapie waren bei mir stets bescheiden, aber ich denke mit großer Dankbarkeit an die Aufrichtigkeit, das echte persönliche Interesse und den Einsatz, den mir meine damaligen Behandler entgegen gebracht haben.

Interessanterweise gibt es hier einen Punkt, bei dem das Evidenzdenken sich selbst ad absurdum führt. Verlassen wir hierfür kurz den medizinischen Bereich der brachialen Maßnahmen wie Operationen und Antibiotika und stellen uns der Frage, was der wichtigste Heilfaktor nicht nur, aber insbesondere bei den „feineren“ und komplexen körperlichen, psychosomatischen und seelischen Symptomatiken ist. Die Antwort liegt in einem im evidenztheoretischen Paradigma eigentlich nicht sein sollenden Wunder, dem dort oft mit leicht verächtlichen Ton hervorgebrachten „Placeboeffekt“. Ein Placebo ist ein Medikament, das eine Wirkung hat, obwohl es keinen Wirkstoff in sich trägt. Im konkreten Fall handelt es sich nicht um mehr als ein Stückchen Milchzucker. Menschen sind leider „so blöd“, dass sie, wenn ihnen die Milchzucker-Pastille von der richtigen Person (z.B. einer erfahrenen Ärztin) am richtigen Ort (einer seriösen Praxis oder Klinik) gegeben wird, unter Umständen von diesem Nichts gesund werden. Dies ist für unser stofflich orientiertes Ursache-Wirkung Denken gelinde gesagt eine Unverschämtheit der Wirklichkeit.

All dies wirkt jeden Tag in den Ritualen des Ganges zum Arzt, ins Krankenhaus, zur Homöopathin, in die osteopathische Praxis, auf die psychoanalytische Couch oder zum Aufstellungskurs, und niemand kann nachweisen, wie hoch bei einer Heilung der Anteil des „Placebos“ ist (der Beziehung, des Vertrauens, des Glaubens etc.) und wieviel die eigentliche Heilmethode daran leistet. Jenseits all ihrer Qualifikationen oder Nichtqualifikationen ist jeder erfolgreiche Heilpraktiker ein Meister des Placebo-Effekts. Er hilft dem Klienten, seine Selbstheilungskräfte zu entfesseln, das nach wie vor wichtigste und vielleicht auch einzig wahre Heilpotential, das der Mensch in sich trägt. Von daher ist ein Aufbäumen gegen die Abschaffung des Heilpraktikerberufs auch ein Aufbäumen wider die Dummheit eines kastrierten naturwissenschaftlichen Denkens, das nur einen kleinen Teil der menschlichen Gesundheit erfasst. Dass Herr Spahn dies nicht versteht, sei ihm verziehen, aber bei hochgerechnet fast 50 Millionen Heilpraktikerbesuchen in Deutschland jedes Jahr haben all diese Menschen gemeinsam ein politisches Gewicht, das er als Machtpolitiker sehr wohl versteht. Dieses Gewicht gilt es in der kommenden Zeit geltend zu machen, denn es ist die Sprache, die die Politik versteht, während sie von ganzheitlicher Gesundheit, wie sie es in der Corona-Krise unter Beweis stellt, im besten Fall nur ein Minimalverständnis besitzt.

Zu einer Petition zum Erhalt des Heilpraktikerberufs.

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