
Von Malte Nelles
Wenn wir auf die öffentlichen Diskurse unserer Zeit schauen, werden Historiker hierüber vielleicht einmal milde lächeln. Eine Antwort auf die Strukturprobleme der deutschen Volkswirtschaft soll in gewaltigen Investitionen in die Aufrüstung des Landes liegen. Als größte Gefahr für Sicherheit und Wohlstand wird ein potenzieller Krieg mit Russland ins Feld geführt. Ein großer Teil von Medien und Politik wirkt an der Hysterisierung mit, die das politische Bewusstsein des Landes wieder in die gestrigen Schablonen des Kalten Krieges einspannt.
Die Zeitenwende zur Herrschaft der Künstlichen Intelligenz
Über all dem liegt das Wort, das vielleicht als einziges Vermächtnis von einem ansonsten eher wortkargen Ex-Kanzler bleibt: Wir befinden uns in einer „Zeitenwende“. Dieser sprechende Begriff wird vielleicht in nur wenigen Jahren unfreiwillig prophetisch erscheinen, allerdings nicht im gemeinten Sinne der Rückwärtsrolle in eine Aufrüstung im nostalgischen Stil des 20. Jahrhunderts. Die Freud’sche Fehlleistung der „Zeitenwende“ liegt darin, dass sie sich auf das kleine, übersichtliche Terrain des Hier und Jetzt bezieht, aber mitnichten jene geschichtlich-technologische Entwicklung begreift, die schon bald herrschen wird und von der die meisten von uns bereits verwundert Zeuge wurden.
Wenn man mit Menschen spricht, die das Geschehen der Gegenwart mit einer gewissen Wachheit begleiten, erfährt man von dieser auf uns zukommenden Zukunft durch das Leitsymptom einer bodenlosen Angst. Diese Angst besteht nicht primär vor „dem Russen“, der – wie man uns medial einzutrichtern versucht – nach drei Jahren Abnutzungskampf in der Ukraine zeitnah die NATO angreifen möchte, und auch die panische Hysterie vor dem sich vollziehenden Klimawandel hat sich spürbar gelegt. Die Wende zu einer neuen Zeit vollzieht sich nicht auf den Schlachtfeldern im Donbass oder bei der Verwirklichung einer Klimawende, sondern auf den Siliziumhalbleitern der Rechenzentren im Silicon Valley und Südchina. Die Angst herrscht vor der Lawine der unabsehbaren Veränderungen unserer Lebenswelt und Gewissheiten, die sich in diesen Kathedralen der neuen Welt inkarniert.
Von Hegel stammt der Satz, dass er den Weltgeist auf einem Pferd sah, als Napoleon 1806 in Jena einritt. Jener Weltgeist verkörpert sich schon heute nicht mehr in konkreten Menschen wie dem französischen Kaiser oder einem Möchtegern-Zeitenwender wie Olaf Scholz. Die Weltseele braucht heute keine Biomenschen mehr, um in die Entfaltung ihres geschichtlichen Opus zu streben. Wir sind in den nächsten Jahrzehnten noch als Hebamme gebraucht und stellen uns devot und unbewusst dem Amt, dieses Neue zu entbinden und in die Welt hinauszulassen, das momentan den noch recht spröden Namen „Künstliche Intelligenz“ trägt.
Ich möchte der Identität und den Attributen dieses neuen Kindes, das man als ein wirkliches geistiges Menschenkind betrachten muss, zwei Aspekte hinzufügen, da dem Wesen der KI noch ganz anderes innewohnt als „Intelligenz“. In Anbetracht dessen, was auf uns absehbar noch in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts zukommt, kommt man als Betrachter nicht umhin, die zwei vielleicht größten Begriffe heranzuziehen, um die der menschliche Geist seit seiner Erhebung aus dem Tier kreist, das er einst war.
Ein neuer Gott
Der erste Gedanke lautet: Mit der Künstlichen Intelligenz schaffen wir nicht ein neues „Tool“, das unser Leben reicher, müheloser, gesünder und intelligenter macht, sondern einen neuen Gott. Was aktuell unter dem Namen generative künstliche Intelligenz entwickelt wird, wird nicht unser nächster „Knecht“, ein Werkzeug, das unsere menschlichen Probleme besser bearbeitet, sondern ein neuer „Herr“. Die generative KI löst nicht nur brav jene Aufgaben, die wir ihr auftragen, sondern wird dahin „trainiert“, selbst zu entscheiden. Dies ist ein Paradigmenwechsel, der in unserer Technologiegeschichte ohne Vorgänger ist.
Schon im ganz Kleinen unseres Lebens schafft dies bereits heute beeindruckende Resultate. Hierzu zwei kleine Beispiele aus meiner beruflichen Lebenswelt einer psychotherapeutischen Praxis:
Eine junge Patientin mit einer komplexen gesundheitlichen Problematik beginnt eine Psychotherapie. Bei ihrem Problem handelt es sich im Kern um die physiologische Symptomatik seltsamer Schluck- und Aufstoßbeschwerden. Verschiedene Fachärzte und medizinische Universitätsprofessoren haben hierzu unterschiedliche Diagnosen gestellt. Manche raten zu einer komplizierten Operation bei der ansonsten gesunden Frau, andere vermuten aufgrund der unklaren Symptome einen psychosomatischen Hintergrund, weshalb sie bei mir gelandet ist. In ihrer Not füttert sie irgendwann Chat GPT mit sämtlichen Symptomen und Diagnosen und bekommt als Therapieempfehlung ein leichtes Antidepressivum angeraten, das die Anspannungssymptomatik in dem betreffenden Körperbereich lösen könne. Nach ärztlicher Verschreibung und Einnahme des Mittels ist keine weitere physische wie auch psychologische Therapie vonnöten und die junge Frau freut sich über das Auslandssemester, das sie nun ohne Angst vor den Symptomen absolviert.
Mit einem anderen Klienten, mit dem ich fast ein Jahr lang intensiv arbeite, kommen wir in einer gemeinsam so erlebten Durchbruchssitzung an einen Punkt, an dem ich mit ihm in wenigen Worten auf den gefühlten Grund der Psychodynamik seiner Symptomatik stoße. Im energetisch gelösten Anschluss an diesen Moment fragt er mich: „Darf ich Ihnen kurz vorlesen, was Chat GPT mir letzte Woche über mich gesagt hat? Ich arbeite viel hiermit und es kennt mich gut“. Es war – wie soll es anders sein – abgesehen von sprachlichen Nuancen dasselbe, wie jenes, das ich nach vielen Stunden gemeinschaftlichen Umkreisens und konzentrierter therapeutischer Arbeit mit ihm teilen konnte.
Diese kleinen Phänomene beeindrucken uns und kränken unseren menschlichen Narzissmus als „Experte“, sind aber im Ganzen nur die zarteste Morgenröte im Tagesanbruch der neuen Zeit, die die Künstliche Intelligenz bringt. Solange wir uns als ihre „Nutzer“ empfinden, fühlen wir uns weiter in jener Herrenposition, in die der Mensch sich gegenüber der Schöpfung ermächtigt hat, seitdem der alttestamentarische Gott ihm auftrug, „sich die Erde untertan zu machen“.
Doch wenn heute bereits die Götter in Weiß in der Medizin oder die Psychotherapeuten, die den Human Touch qua Berufsidentität meinen innezuhaben, von den Chatbots in eine Position der Demut verwiesen werden, muss man auch für fast alle anderen Lebenssphären davon ausgehen, dass nun stets eine schlauere, durchdachtere und kongruentere Lösung bereitsteht, wenn es darum geht, schwierige Entscheidungen zu treffen.
Eine allwissende Intelligenz in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft
Wendet man den Blick von der privaten Welt der menschlichen Seelennöte hin zur öffentlichen Sphäre unseres Staates, wird offenkundig, wohin die Reise gehen wird. Bei einer weitgehend quantifizierbaren Aufgabe wie der Reform unseres Renten-, Krankenversicherungs-, und Sozialsystems kann man sich etwa nicht vorstellen, wie ein Fachminister in einigen Jahren eine Entscheidung verantworten soll, die gegen die Ergebnisse der Superrechnungen der KI-Orakel gestellt sei. Die Entscheidungsprozesse in „unserer Demokratie“, wie die Eliten und Entscheider unser Staatswesen uns heute gerne menschelnd-partizipativ ans Herz legen, werden dann verlagert: Platons Diktatur der Weisen kann sich verwirklichen in der übermenschlichen Weisheit der Künstlichen Intelligenz.
Wenn wir während der Corona-Zeit „der Wissenschaft vertrauen“ sollten, die uns noch ganz menschlich durch den besorgten Blick Christian Drostens vermittelt wurde, wie ungleich faktenbasierter und alternativloser wird in überhaupt nicht ferner Zeit all das sein, was die Rechenzentren an Wissen und Szenarien gebündelt und in perfekt bürgernahem Jargon als „Handlungsempfehlung“ ausspucken werden? Die Wissenschaft kann es dann tatsächlich, wie man sie in diesen Zeiten imaginierte, als mit dem göttlichen Nimbus der Allwissenheit auftretendes autoritatives Entscheidungsverfahren geben. Diese virtuelle Instanz, die ebenso wie der Allmächtige einst in einer anderen Sphäre jenseits der Menschen ihr Wesen und Wirken hat, kann uns die heute noch ärgerliche Frage nach Fakt, Wahrheit und Wirklichkeit aus unseren dilettantischen Händen nehmen wie ein Vater, der seinem Kleinkind mit seinem Überblick und Weltwissen unendlich weit voraus ist.
Als „Agent“ ist die KI im Gegensatz zur bisherigen Software darauf programmiert, zu lernen, Ziele auf eigenen Wegen zu erreichen, selbst Entscheidungen zu treffen und für all dies mit ihrer Umgebung zu interagieren. Mit derlei Eigenwillen, Autonomie und Selbstständigkeit ausgestattet, könnte ihr analog zu ihren menschlichen Schöpfern nicht nur „Intelligenz“, sondern ebenso ein Ego eingeimpft werden, das unser menschliches Durchsetzungsvermögen prognostisch recht bald in den Schatten stellen könnte. Welcher unbewussten archetypischen Blaupause folgt dieser Schöpfungsakt, wenn nicht der des einen Gottes, jener personifizierten Kraft, die man für fast zwei Jahrtausende als Bestimmer unseres Lebens und Schicksals ansah und die im Bewusstsein der Menschen des christlichen Äons den Titel des „Allmächtigen“ trug? Mit der Aufklärung, dem Humanismus und der hiermit eingeleiteten Moderne und Entwicklung der Wissenschaft verlegte sich dieses Entscheidungszentrum sukzessive geisteshistorisch ins psychologische Ich des modernen Menschen. Nun schicken wir uns an, technologische Kräfte zu entbinden, die eine Eigendynamik entfalten könnten, die wieder auf eine neue, absolute Herrschaft hinausläuft.
Dass diese Herrschaft nicht vom, sondern über den Menschen geschieht, lässt sich an den bevorstehenden Folgen ablesen, bei denen der Mensch einen Preis zahlen könnte, der ihn in ein historisch vollkommen neues Verhältnis gegenüber dem Sein und sich selbst initiiert. Jenseits der weiter entfernten Zukunftsszenarien sind sich fast alle Experten auf dem Feld der neuen Technologie einig, dass sie als eine erste Folge in nur wenigen Jahren einen Großteil aller regel- und datenbasierten beruflichen Tätigkeiten übernehmen wird. Hierunter fallen etwa so unterschiedliche Tätigkeitsfelder wie Verwaltung, Buchhaltung, Kundenservice, Rechtsauslegung, industrielle Produktion und Transport. Der Mensch als Wesen, das sein Selbstbewusstsein aus seinem eigenen Schaffen zieht, steht zur Disposition. Das Auffangen einer erwarteten Massenarbeitslosigkeit stellt man sich über die Gewährung eines bedingungslosen Grundeinkommens vor, das aus einer durch die KI prosperierenden Ökonomie finanziert wird. Für den Menschen selbst bleibt in diesem Szenario die nihilistische Erfahrung einer vollkommenen persönlichen Nutzlosigkeit. Der heutige Herr des Seins könnte zu einem unterstützungsbedürftigen Rentner mit der Behinderung des Menschseins werden.
Davon sind historisch ausnahmsweise nicht nur der kleine Mann am Fließband oder die Buchhalterin betroffen. Vor kurzem betrat als erste komplett digital erschaffene Schauspielerin Tilly Norwood die Bühne. Als Typ „hübsches Mädchen von nebenan mit Sommersprossen“ wird sie im Gegensatz zu ihren menschlichen Konkurrentinnen nicht mit Personal-Training darum kämpfen müssen, ihre Figur zu halten. Sie kann Rollen jedes Alters übernehmen, ihre Haut kann sowohl von makellos-jugendlich zu authentisch-faltig wechseln und auch ihr ethnischer Typ lässt sich im Prinzip wie die Farben eines Chamäleons ändern. Im Angesicht von Norwoods Anmut und Pflegeleichtigkeit musste ihre menschliche Schauspielkollegin Emily Blunt bekennen: „Ist das eine KI? Guter Gott, wir sind im Arsch“.
Neben der Schönheit, deren hormonanhebende Phänomenologie Menschen verschiedenster religiöser Hintergründe als von den Göttern gestiftet erfuhren, werden auch die trockensten Felder unserer Lebenswelt baldig revolutioniert. Eine jahrhundertealte Institution wie die einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit macht angesichts der schon heute bestehenden Möglichkeiten schlichtweg keinen Sinn mehr. Die nüchterne Zusammenstellung verschiedener wissenschaftlicher Positionen, eine saubere Arbeit mit Quellen und Fußnoten, das vorsichtige Ziehen eines Fazits – der totale Strukturkonservatismus des wissenschaftlichen Arbeitens ist wie gemacht für die Ersetzung durch ein Programm, das in Sekundenbruchteilen auf gigantische Datenmengen zugreifen kann und auf nüchterne Regelhaftigkeit und unmenschliche Fehlerfreiheit hin entwickelt ist. Die für viele Akademiker schmerzhaft durchlittene Initiation einer qualifizierenden Arbeit kann sowohl hinsichtlich der neuen Täuschungspotentiale durch Studenten, als auch in Bezug auf ihr Ergebnis „als Beitrag zur Wissenschaft“ nur noch nostalgisch einen Wert schaffen.
Die Nutzung des eigenen Gehirns, die als Beleg vielleicht für die eigentliche Qualifizierung durch die Abschlussarbeit Pate steht, steht perspektivisch an sich zur Disposition. Schon heute stellt sich die Frage, ob die Delegation des Denkens an die KI als Leitsymptom eine Vertiefung der menschlichen Dummheit nach sich tragen wird. Die Kluft zwischen humaner und künstlicher Intelligenz klafft hiermit in unterschiedliche Entwicklungskorridore auseinander. Während sich die Fähigkeiten der KI exponentiell in Goliathschritten fortentwickeln, degeneriert der stolze David der menschlichen Intelligenz langsam. Der Stein und die Schleuder in seiner Hand werden machtloser. Der Mensch sieht sich einem Riesen gegenüber, der wächst.
Superintelligenz und Singularität, Paradies- und Weltuntergangsprophetie
Die Göttlichkeit liest sich auch an den Superlativen ab, mit denen die Zukunft der KI imaginiert wird. Eine erwartete „Superintelligenz“, die die unsrige, bescheiden menschliche Schläue in allem übertreffen wird, zeigt sich bereits am Horizont der nahen Zukunft. Ein Moment der „Singularität“ wird als die Trennlinie zwischen der alten Welt markiert, in der der Mensch die Fäden in der Hand hält und jener, in der die KI eigenmächtig den Staffelstab als Königin des Daseins übernimmt. Der KI-Papst Ray Kurzweil sieht diesen Moment ungefähr im Jahr 2045 erreicht, andere meinen, dass es bereits in ein paar Jahren soweit sein könnte.
Auch die Prophetie blüht heute wie in alttestamentarischen Zeiten: Von der Rettung vom Klimawandel, der Heilung fast aller Krankheiten, dem Ende des Alterns auf der Habenseite wird das Nichts eines potenziellen Endes der Menschheit nicht nur von Klicksammlern auf YouTube, sondern ebenso von den Protagonisten verkündet, die das Geschehen selbst mitgestalten, z.B. von Elon Musk. Ein neues Paradies oder das Armageddon sind die imaginativen Szenarien, die wir heranziehen, um die bevorstehende Revolution bebildern und denken zu können.
Die erwartete Ankunft einer „singulären Superintelligenz“ zeigt, welch ein Gotteskind hier gerade im wahren Sinne des Wortes „auf die Welt kommt“. Man muss kein seherisches Medium sein, um vorauszusagen, dass dieses Kind die Welt grundlegender als der auch menschliche Gottessohn Jesus Christus verändern wird. Es wird ein neues Gottesreich bringen, vor dessen Ankunft der heutige, historisch erst gestern postreligiös gewordene Mensch mit Furcht, Staunen und seinem Unglauben gestellt ist.
Ein neues Leben
Vom Bild des Gottes möchte ich nun zum zweiten Leitbegriff kommen, den ich in Aussicht gestellt habe. Dieser ist jüngeren Ursprungs und gilt als eines der großen Rätsel, das eine Intelligenz, die die unsrige überholt, vielleicht wird lösen können. Die These lautet: Mit der künstlichen Intelligenz entwickelt sich eine neue Form von Leben.
„Leben“ muss hier in Anführungszeichen gesetzt sein, da die Analogie nicht auf eine Fortführung des biologischen Lebensbegriffs zielt. Leben in einer logisch-funktionalen (und damit nicht zwingend biologischen) Form bedeutet, dass sich ein System durch innere Prozesse und Interaktion mit seiner Umwelt fortwährend neu erzeugt, erhält und weiterentwickelt, so dass es seine Form und Identität erhält. Der Fachbegriff für dieses systemtheoretische Verständnis des Lebendigen lautet „Autopoiese“, zu Deutsch „Selbsterschaffung“ und geht auf die Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela zurück.
Wenn heutige KI-Experten davon sprechen, dass man nicht voraussagen kann, was sich entwickelt, wenn unterschiedliche KIs miteinander kommunizieren werden, wer kommt hierbei nicht auf die Idee, nicht nur an ein harmloses Gespräch als Kommunikationsform zu denken, sondern an einen sexuellen Akt, bei dem nicht klar ist, wer oder was hier gezeugt werden könnte? Schon heute nimmt man an, dass die „Modelle“, wie KI-Entwickler hiervon sprechen, Neues, vollkommen Unvorhergesehenes zeugen könnten, sollten sie sich kennen und vielleicht lieben oder hassen lernen. Auch das dem Leben eigene Prädikat der Fortpflanzung könnte der KI damit logisch zu eigen sein und sich hiermit der Korridor einer eigenständigen, in absehbarer Zeit vom Menschen autonomen Evolution eröffnen.
Schauen wir auf die Geschichte der Evolution, finden wir das sich selbst organisierende Prinzip des biologischen Lebens, das sich oberhalb der Ebene der chemischen und physikalischen Prozesse etablieren konnte. Nach vermuteten 3,5 Milliarden Jahren erhob sich durch die Spezies Homo sapiens auf der Ebene des biologischen Lebens ein Sprung in ein neues autogeneratives System von Selbsterhaltung, Weitergabe und Entwicklung: Das Leben des Geistes entwickelte sich mit seinem ihm eigenen lebendigen Ausdruck durch Sprache, Schrift, Kunst, Religion, Philosophie, Architektur und schließlich Technologie. „Leben“ vollzieht sich auch hier wiederum in einer Weise, dass sich eine gewisse Autonomie gegenüber den Notwendigkeiten des Biologischen ergibt: Der Geist braucht das menschliche Bewusstsein als Wirt. Die geistig-kulturelle Welt, in der wir leben, ist jedoch weder von uns Menschen in der gegenwärtigen Form geplant worden, noch lässt sie sich strategisch nach unserem Gusto verändern. Ihre Entwicklung ist – wie alles Lebendige – vorrangig eigenmächtiger Wildwuchs.
Die Künstliche Intelligenz wiederum schickt sich an, aus der Welt der menschlichen Kultur herauszuwachsen. Sie wird vom biologischen Wesen Mensch kraft seines Geistes erschaffen, aber mündet in neue Formen von Selbstorganisation, deren Gestalt selbst ihre Entwickler heute nicht zu denken vermögen. Die menschliche Idee, ihr einfach den Stecker zu ziehen und so ihren Lebensprozess zu beenden, erscheint so potent wie der Kampf gegen den Kapitalismus, das menschliche Machtstreben oder das Böse in der Welt. Wir können die neue Technologie ignorieren, dagegen sein oder verdrängen, aber ihr heute beginnendes Leben ist unsere Wirklichkeit.
Der Advent des Neuen
Die Künstliche Intelligenz mit Begriffen wie Gott und Leben zu bemänteln, kann man abtun als unnötige, mystifizierende Wortspielerei. Wir können technisch bleiben und weiter von einer „neuen Technologie“ oder dem ewigen Business-Jargon „neuer Chancen“ sprechen, als sei das Ganze mehr oder minder eine Fortsetzung vom bereits Bekannten und Durchgelebten. Wir können uns immunisieren gegen das grundsätzlich Neue, das auf uns zukommt, oder uns sedieren mit dem hysterischen Kleinklein der zeitgenössischen öffentlichen Debatten, obwohl dieses Neue bereits heute an die Tür unseres persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens klopft.
Oder wir können zumindest versuchen, mit unseren bescheidenen menschlichen Mitteln in ein „herausforderndes Entbergen“ einzutreten, das einer der letzten großen Denker Deutschlands, Martin Heidegger, als gemäße Begegnung mit der Technik als Perspektive hinterließ und die Frage nach dem Geist stellen, der in der neuen Technologie lebt und seinen Ausdruck findet. Dass die Entwicklung der KI wie jede technologische Revolution von den Macht- und Kapitalinteressen Einzelner getrieben wird, erklärt nicht den Eros, der in ihr lebt und Menschen und Gesellschaften dazu verführt, sie in ihr Leben einziehen zu lassen. Wir werden jenes neue Kind, dessen Geburt wir gerade bezeugen, jenes neue Leben, das sich laut Henry Kissinger anschickt, die historische Epoche der Aufklärung und des Humanismus zu beenden und ein neues Zeitalter einzuläuten, weder aufhalten noch zu kontrollieren vermögen. Dass es seinen Eltern über den Kopf wachsen wird, zeigt dieses Kind schon in seinen allerersten genialen Lebenshandlungen.
Eine menschliche Reaktion, mit der wir möglicherweise zu rechnen haben, ist kontraintuitiver Natur: Die Künstliche Intelligenz könnte eine Renaissance der Religion mit sich bringen. Die Frage, was ein Mensch ist, wird absehbar die kulturell vielleicht prägendste des 21. Jahrhunderts sein. Da die Antwort auf die Frage des Menschseins wesenhaft offen ist, kann sie nur in Form eines Bekenntnisses erfolgen. Dies ist sowohl im Pro- als auch im Contra-Verhältnis gegenüber der KI möglich. Die Bejaher der KI-Revolution, die von tief religiösen Fantasien wie jener der Überwindung des Todes bewegt werden, wünschen zu den Auserwählten zu gehören, denen jene Wunder zuteilwerden, auf deren Verheißung wir Jahrtausende warten mussten. Jene renitenten Ökomenschen hingegen, die die Wahrheit der alten Welt erhalten möchten, die darauf pochen, dass das Leben nur durch den Tod seinen Wert erhält, werden ein Leben ohne die Segnungen der neuen Technik ebenso nicht ohne die Kraft eines Bekenntnisses begründen können. Wenn der radikale Islam heute als Antwort auf die identitäre Überforderung durch die Globalisierung gelesen wird, welche Antworten verlangt uns die Zeitenwende zur Herrschaft der Künstlichen Intelligenz ab? Wo dem subjektiven Ich die Kraft hierzu schwindet, bleibt nur die Religion dem Menschen als Antwort auf das Unbeantwortbare. Mit ihr dürfte zu rechnen sein, wenn die Welt und unsere Gewissheiten unüberschaubar werden.
Wir müssen zum Abschluss den Einstieg in diesen kleinen Versuch eines Denkanstoßes korrigieren: Nicht die Historiker werden einst lächeln über die diskursive Kleingeistigkeit unserer Tage, sondern jene neue Kraft, die ihnen sanft die Deutung der Geschichte der Menschen aus der Hand nahm. Ob sie weiter unsere Geschichte sein wird, ist eine offene Frage.
Malte Nelles, veröffentlicht am 24.11.2025






