Die Flut – oder: Mensch und Natur

Die Flut – oder: Mensch und Natur

Was tatsächlich geschah

Es ist wie immer, wenn etwas Schreckliches passiert ist: Nach dem Entsetzen kommt die Schuldfrage. Wer oder was hat versagt, wer ist schuld? In diesem Fall ist sich die veröffentlichte Meinung ziemlich einig: der Klimawandel. Dazu noch die üblichen Verdächtigen: fehlende oder nicht funktionierende Warnsysteme, schlechter Katastrophenschutz, schlechte Eingriffe in die Natur (Flussregulierung, Versiegelung etc.), und natürlich die Politiker der regierenden Parteien, die alles falsch gemacht haben. Alles in allem: der Mensch. Ist es wirklich so einfach?

Natürlich: Menschen machen Fehler, und den einen oder anderen Fehler kann man abstellen. Daher kann und sollte man immer fragen, was man aus einer Katastrophe lernen und was man besser machen kann. Aber Schuld? Die Flut kam so schnell und war so mächtig, dass niemand dies vorhersagen konnte. Selbst wenn man es getan hätte, hätte niemand den Warnungen geglaubt. Es wird sowieso viel zu viel Katastrophenlärm gemacht, schon 20 Zentimeter Schnee in einer Winternacht gelten heute als Schneekatastrophe, bei der man besser nicht vor die Tür gehen sollte. Hinter der Schuldfrage steckt, ähnlich wie bei der Corona-Politik, die Wahnidee des modernen Menschen, sich vor der Natur komplett schützen zu können.

Ich wohne in der Gemeinde Nettersheim, allerdings nicht im Talort Nettersheim, sondern im vier Kilometer entfernten Marmagen, das auf einem Hochplateau liegt. Hier war sozusagen das Epizentrum der Niederschläge und der Flut. Die Flüsse oder Bäche, in deren Tälern die schlimmsten Zerstörungen waren, die Ahr, die Erft und die Urft sowie etliche kleine Nebenbächlein, entspringen alle in einem Umkreis von zehn Kilometern rund um Nettersheim. Was ich wahrgenommen habe, war: Es regnet eine Nacht und einen Tag fast ununterbrochen, zumeist sehr, manchmal auch weniger stark, aber ein richtiges Unwetter, eine „Wetterkatastrophe“, schien es eigentlich nicht zu sein, es war fast windstill. Tatsächlich habe ich gedacht: Der Wetterdienst übertreibt mal wieder.

Durch Nettersheim fließt das kleine Flüsschen Urft. Die Urft entspringt zehn Kilometer oberhalb von Nettersheim und ist im Ort normalerweise etwa 30 bis maximal 50 cm tief und drei bis fünf Meter breit. Am Naturzentrum Eifel, das direkt am Fluss in einer breiten Aue liegt und eineinhalb Meter unter Wasser stand, lassen Lehrer Grundschulkinder im Bach nach Fischen und anderen Tierchen und besonderen Steinen suchen und spielen. Das Flussbett ist rund drei Meter tief, bei sehr starkem Hochwasser kommt es – einmal in zehn Jahren – vor, dass es randvoll ist oder gar überläuft. Letzteres war in den zwanzig Jahren, die ich dort arbeite (wir führen im Naturzentrum unsere Kurse durch), einmal der Fall.

Die Urft ist hier auch weder begradigt noch ist die Landschaft drum herum versiegelt – sie fließt ganz natürlich durch Wald und Wiesen. Jetzt stand das Wasser in der Talsohle im Dorf zwei Meter hoch, macht etwa das zehnfache des normalen Pegels. Zum Vergleich: Der Rheinpegel in Köln liegt normalerweise um die drei Meter. Er müsste also auf 30 Meter, dreimal so hoch wie bei den Höchstständen (ca. 10 Meter) der letzten 200 Jahre, steigen, um ein vergleichbares Hochwasser hervorzubringen. Da das Tal in den bebauten Gebieten in Nettersheim recht breit ist (so dass die Flut über 100 Meter breit und daher nicht so reißend war wie anderswo), ist der Ort vergleichsweise glimpflich davongekommen – abgesehen davon, dass drei Menschen ertrunken sind. Einer der Ertrunkenen wollte zwei durchnässte Wanderer mit seinem Jeep in seine Waldhütte bringen und wurde auf der Rückfahrt einfach samt Auto weggespült, so schnell ging alles.

Kurz gesagt: Fehlende Vorwarnungen oder „Sünden“ beim Landschafts- und Gewässerschutz kann man getrost vergessen. Einer Warnung über das hinaus, was tatsächlich getan wurde, hätte schlicht niemand geglaubt, und es hätte auch nichts an dem geändert, was geschehen ist. Das gilt auch für die stärker betroffenen Orte, die teils an viel kleineren Bächen liegen. Dass in Bad Münstereifel hunderte Jahre alte Brücken und Mauern weggespült und die Jahrhunderte alte Altstadt völlig verwüstet werden würde, liegt jenseits von allem, was man sich vorstellen konnte. Bleibt der Klimawandel als Ursache, und da er, wie alle „wissen“, menschengemacht und durch CO-2-Ausstoß (vulgo: durch Autos mit Benzin- und Dieselantrieb und Kohlekraftwerke) verursacht ist, ist der Mensch beziehungsweise die Art seines Wirtschaftens daran schuld. So die „grüne“ (womit ich keine politische Partei meine, gefühlsmäßig und in unserem Denken sind wir ja alle „grün“) Legende.

Niemand ist schuld

Ich vertrete hier eine andere These: Niemand ist schuld. Es ist einfach geschehen, und nichts und niemand konnte es verhindern. Und es wird – sei es in einem, in zehn, in hundert oder in fünfhundert Jahren – wieder geschehen. Ebenso beim Klimawandel: Er geschieht einfach, und nichts und niemand kann ihn mehr verhindern. Vielleicht sind wir erst am Anfang, vielleicht schon mittendrin, womöglich sogar schon nahe an einem Kipppunkt, wo alles so schnell geht und die Folgen so gewaltig (in den Dimensionen – weltweit – natürlich viel gewaltiger) sind, wie es jetzt bei der Flut war, so dass man nicht mehr reagieren und sich schützen kann. Das würde auch heißen, dass es den jetzt lebenden Menschen gar nichts nützten würde, wenn der weltweite CO-2-Ausstoß noch in diesem Jahr auf null gestellt würde, denn die nächsten hundert Jahre wird der Klimawandel nicht zu stoppen sein, es sei denn, außermenschliche Faktoren bringen ihn zum Stillstand oder zu einer Umkehr (dann fürchten wir uns vor der kommenden Eiszeit). Und es würde heißen, dass ganz andere Dinge notwendig sind als klimapolitische Maßnahmen, die ihre Wirkung auch dann, wenn sie radikal sind und – was völlig utopisch ist – die ganze Welt mitziehen würde, frühestens in fünfzig Jahren zeigen (was nicht heißt, dass nicht auch klimapolitische Maßnahmen sinnvoll oder gar notwendig sein können).

Es gibt nichts Festes

Vor einigen Jahren war ich mit meinem Schweizer Freund und Kollegen Ruedi in den Bergen. „In der Schule“, sagte er, „haben wir gelernt, dass die Alpen nicht immer da waren, sondern vor sehr, sehr langer Zeit durch Faltung entstanden, sozusagen gewachsen sind. Ich fange aber jetzt erst ganz langsam an zu begreifen, dass dies immer noch geschieht – die afrikanische Platte schiebt sich noch immer weiter unter die eurasische, und die Alpen wachsen immer noch.“ Ähnlich oder noch viel krasser ist es hier in der Eifel: Die erwähnten Schulkinder suchen nicht nur nach Kleingetier im Wasser, sondern in Steinbrüchen und auf Feldern auch nach Fossilien – versteinerten Fischen und Seetieren aus dem tropischen Meer, dessen Grund die heute immerhin bis zu 800 Meter hohe Eifel einst war. Der Boden um Nettersheim herum besteht zu großen Teilen aus Muschelkalk, also dem Material, das einst Muscheln waren (in der Südeifel ist dies durch Vulkangestein überdeckt). Möglicherweise wird man hier in 50 Jahren hervorragenden Burgunder anbauen können, denn auch die Hügel an der Cote D’Or, der burgundischen „Goldküste“ mit ihren Spitzenweinen, bestehen aus Muschelkalk.

Die Erde war und ist immer in Bewegung, und dies wird so bleiben, so lange sie existiert. Auch diese Existenz ist nicht ewig, die Erde wird vergehen wie alles, was entsteht und entstanden ist. Klaus Hoffmann hat es vor vielen Jahren in seinem Lied „Zeit zu leben“ besungen: „Nichts bleibt, nichts bleibt, nichts bleibt / kein Ring, kein Gold, kein Leid“. Das gilt nicht nur für die Erde, es gilt für das gesamte Sein einschließlich des menschlichen Lebens: Es ist immer in Bewegung – mehr noch: es IST Bewegung, und das heißt: Es wandelt sich fortwährend. Und zwar ganz von selbst, ohne das geringste Zutun von uns Menschen.

Damit dies ganz klar ist: Damit bestreite ich nicht den menschlichen Beitrag zum Klimawandel und anderen Veränderungen und Umweltzerstörungen. Allein die Tatsache, dass heute fünfzehn Mal mehr Menschen die Erde bevölkern als vor 300 Jahren und allen Zeiten davor, trägt schon zu diesen Veränderungen bei. Zusammen mit seinen Haustieren und den Tieren, die er zu seiner Ernährung züchtet, macht der Mensch rund neunzig Prozent der Biomasse großer Tiere aus. Allein, also ohne die domestizierten Tiere, sind es noch dreimal mehr als die Biomasse der großen Wildtiere. Damit ist sein Einfluss auf die gesamte einstige Natur so groß geworden, dass Yuval Noah Harari und andere Wissenschaftler das Zeitalter des Homo Sapiens als „Anthropozän“ bezeichnen. Und, auch dies beschreibt Harari in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ sehr eindrücklich: Homo Sapiens war schon immer ein Umweltzerstörer, es liegt in seinen Genen.

Was ist (heute) Natur?

Die Natur von einst gibt es nicht mehr. Nicht nur in dem Sinne, dass sie faktisch auf immer engere Gebiete zurückgedrängt ist, sondern auch und vor allem in dem Sinne, dass unsere gesamte Welt, unsere äußere wie unsere innere, geistige Welt, eine menschengemachte ist. Der Mensch hat sich spätestens seit der Entstehung der modernen Wissenschaft und der ihr folgenden Aufklärung und Industrialisierung zum Herrn der Erde aufgeschwungen. Die Rede davon, dass der Klimawandel „menschengemacht“ sei, ist im Grunde tautologisch. ALLES ist heute menschengemacht, selbst der Urwald.

Das mag verrückt klingen, gelten doch die Urwälder – neben Arktis und Antarktis – als die letzten rein natürlichen Refugien. Das sind sie aber längst nicht mehr. Spätestens in dem Moment, indem wir sie – nachdem wir sie geplündert haben – „retten“ wollen, sind sie ein Objekt menschlichen Handelns, hat der Mensch sie und ihr Schicksal in seinen geistigen Griff genommen und wird (in seinem Selbstverständnis) für sie verantwortlich. „Was ist die Natur heute? Sie ist nicht mehr die Mutter, sondern das Sorgenkind des Menschen. (…) in eben dem Augenblick, wo die Natur geschützt werden muss, ist sie nicht mehr Natur im eigentlichen Sinn, und so ist es gerade der Naturschutz, durch den sich die ontologische Vernichtung der Natur, das heißt ihre Denaturierung, mit vollzieht“, schrieb Wolfgang Giegerich 1988 in seinem ungeheuer tiefsinnigen und nach wie vor hoch aktuellen Buch „Die Atombombe als seelische Wirklichkeit. Versuch über den Geist des christlichen Abendlandes“ (S. 18). Die Natur ist nicht mehr das, was den Menschen hervorbringt, ihn umgreift, trägt und wieder zu sich nimmt, nicht mehr das, was wir sind, sondern das, was wir be-greifen und dann im Griff haben und behalten müssen. Selbstverständlich sind wir dann auch „schuld“, wenn es unserem Griff entgleitet.

Physisch zeigt sich die Natur noch immer widerspenstig und macht uns oft einen Strich durch die Rechnung mit ihren „Naturkatastrophen“, die für die Natur überhaupt keine Katastrophen sind. Allein der Begriff „Naturkatastrophe“ zeigt, dass und wie sehr der Mensch alles auf sich bezieht. Denn die Natur hat unter der Flut überhaupt nicht gelitten. Was für uns schrecklich ist, ist für sie normal. Sie leidet auch nicht wegen des Klimawandels, denn Klimawandel ist immer. Ob Eiszeit oder Warmzeit – der Erde ist’s egal. Wie sehr viele Menschen jetzt auch materiell betroffen sind und wie schrecklich dies in jedem Einzelfall tatsächlich ist: die eigentliche Katastrophe betrifft unseren Geist, der denkt, so etwas könne und dürfe nicht geschehen. Zumindest müsste man die „Ursachen“, das „Warum“ finden und es somit für die Zukunft verhindern können.

Das Unbegreifliche

Dass etwas nicht begreiflich ist, ist für uns unbegreiflich. Es ist in unserer inneren Haltung zur Welt und zum Leben nicht mehr vorgesehen. Wir kennen nur das, was wir wissen (genauer: zu wissen glauben) und das, was wir noch nicht wissen, das Bekannte und das noch nicht Bekannte. Dass es etwas geben könnte, das sich dem Zugriff unseres Geistes grundsätzlich entzieht, etwas Unkennbares, kann und will das moderne Bewusstsein nicht mehr sehen. Es ist ein Tabu. Die Wissenschaft muss zwar zugeben, dass die Zahl und Tiefe der Rätsel und ungelösten Fragen umso größer wird, je mehr sie entdeckt, je weiter und tiefer sie sowohl in den Makro- als auch in den Mikrokosmos eindringt, aber die grundsätzliche Haltung und Erwartung, dass im Prinzip ALLES erklärbar sein müsste und es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir auch die letzten Geheimnisse aufgedeckt haben, können wir nicht aufgeben. Denn dies ist das Versprechen der „Aufklärung“ und der Wissenschaft: alles ist prinzipiell erklärbar und dann auch prinzipiell beherrschbar. Die Einsicht, dass die Welt und das Leben letztlich ein Geheimnis sind und bleiben, wäre das Ende der modernen Welt.

Ich war am Tag nach der Flut in Nettersheim, weil ich sehen musste, ob wir die einwöchige Sommerakademie unseres Instituts, die einen Tag später mit 50 Teilnehmern aus dem gesamten deutschsprachigen Raum beginnen sollte, durchführen können. Wir konnten natürlich nicht und mussten alles absagen, sie ist buchstäblich „den Bach runtergegangen“. Eine Woche lang war ich danach in einer Art Schockzustand – nicht innerlich von mir und meinen Gefühlen abgeschnitten wie bei einem tiefen Schock, aber doch geistig wie sediert und ohne Motivation. Es waren aber nicht die äußeren Dinge (die Zerstörungen oder unser durchaus beträchtlicher finanzieller Verlust), die dies auslösten, sondern die Tatsache des Unbegreiflichen. Erst als ich mich damit innerlich versöhnt hatte, fühlte ich mich wieder normal.

Natur als Rohstoff

Geistig haben wir uns die Natur längst einverleibt – sie hat uns zu dienen und zu gehorchen. Sie hat uns zu dienen mit ihren Ressourcen, ihren Rohstoffen (zu denen auch die Tiere gehören). Die Verschmutzung und Überfischung der Meere interessiert uns nur insoweit, als sie unsere Lebensgrundlagen gefährden. Das Bienensterben (wie das Artensterben generell) berührt uns nicht wegen der Bienen, sondern wegen der Leistungen, die sie für uns erbringen, weil wir sie brauchen. Die Bienen selbst sind uns völlig egal. Das gilt für die gesamte Natur: Sie hat unserem Wohlbefinden zu dienen, ansonsten ist sie uns egal. Das gilt auch für fast alle „Naturfreunde“, die die Natur gerne erleben und genießen: Sie dient der Erbauung, dem Genuss, dem Kitzel – man will sie „erleben“. Nettersheim hat wegen seines vorbildlichen Engagements im Naturschutz etliche Preise gewonnen und schmückt sich mit dem Titel „Naturerlebnisdorf“. Jetzt haben wir die Natur erlebt.

Die wirkliche Natur wollen wir nicht. Dies zeigt sich auch in unserem Verhältnis zu uns selbst, zu unserem eigenen Natursein. Dass die Natur nicht nur um uns herum ist, sondern wir selbst Natur sind, haben wir völlig verdrängt. Wir wähnen uns darüber. Wir wollen unsere eigenen Baumeister sein. Wir nehmen unseren Körper und unser gesamtes Leben nicht mehr als etwas Gegebenes, sondern haben es geistig längst zu einem Projekt gemacht. Innerlich und mehr und mehr auch äußerlich sind wir zu unserem eigenen Projekt und Produkt geworden, das entworfen, geplant, durchgeführt und wie jedes industrielle Produkt hergestellt werden muss. Wir betrachten uns selbst und unser Leben wie die Güter, die wir produzieren, oder wie ein Haus, das wir nach unseren Bedürfnissen und Wünschen planen und dann bauen. Wie ein Architekt machen wir „Lebensplanungen“ und „Lebensentwürfe“, versuchen diese dann „umzusetzen“ oder zu „verwirklichen“ und erwarten, dass das dann auch gelingt. Wenn etwas anderes geschieht, sind das Katastrophen, und irgendwer oder irgendwas muss „schuld“ sein.

Inzwischen entwerfen und gestalten wir sogar unsere Körper – bis ins Innerste, bis zur Gestaltung unseres Geschlechts. Kindern muss per Dekret von oben von ihren Erziehern und Lehrern gesagt werden, dass ihr Geschlecht nichts Natürliches ist, sondern etwas kulturell Gemachtes, und dass sie es, wenn sie dies wünschen, ohne weiteres ändern können. Dass dabei dann doch massive Eingriffe in ihre (angeblich gar nicht existierende) geschlechtliche und körperliche Natur, ihre Biologie, notwendig sind, wird ganz einfach verdrängt. Anstelle der Bio-logie – der Logik, dem Gesetz des Lebens, der Logik der Natur – ist die Humanologie getreten. Alles hat sich der eigenwilligen Logik des Menschen, dem Anspruch des menschlichen Willens, zu beugen. Interessanterweise ist diese Haltung bei denen, die sich ökologisch oder „grün“ nennen und so fühlen, am tiefsten und härtesten: Jeder Verweis auf die menschliche Natur gilt hier als „biologistisch“. Niemand hat weniger Respekt vor der Natur als die Grünen.

Die Natur: Unsere Quelle und unser Tod

Wenn jetzt dazu aufgerufen wird, den Kampf gegen den Klimawandel zu intensivieren, dann zeigt dies exakt unsere Geisteshaltung: Krieg gegen die Natur. Die Klimaaktivisten meinen zwar, sie würden für die Natur kämpfen, aber ihre Auffassung von Natur ist, wie bereits gesagt, längst denaturiert. Wir müssen und werden uns, hat Angela Merkel bei ihrem Besuch an der Ahr gesagt, der Gewalt der Natur mit aller Macht entgegen stemmen. Wohl gemerkt: Ich rede hier nicht gegen Maßnahmen, sich vor der Gewalt der Natur und den Wandlungen des Klimas besser zu schützen. Wenn wir überleben wollen, bleibt uns nichts anderes übrig. Ob gegen Hochwasser, Stürme, Hitzewellen, Feuersbrünste: Sie werden geschehen und wir müssen unsere Hausaufgaben machen. Genau wie bei Corona – wir müssen lernen, mit der Natur, mit dem Virus wie mit dem Klima, wie es nun mal ist und sich ändert, zu leben. Der Mensch ringt, wie jedes andere Tier, immer mit der Natur, sie ist seine Quelle und auch sein Tod. Sie schenkt uns zwar das Leben, aber alles andere müssen wir ihr durch eigene Anstrengung abgewinnen. Es ist ein Geben und Nehmen. Wer sich im Winter nicht warm anzieht stirbt. Aber den Winter zu bekämpfen ist Wahnsinn.

Ich rede also nicht davon, nicht zu handeln und das Notwendige (das die Not Wendende) zu tun. Ich rede davon, wie, in welcher inneren Haltung wir handeln, von unserer Geisteshaltung. Davon, dass wir glauben, die Natur in jeder Hinsicht kontrollieren und im Griff haben zu müssen, davon, dass wir glauben, sie habe uns zu dienen und ansonsten brav zu sein wie ein Schoßhündchen. Sie ist noch immer unsere Mutter, auch wenn wir dies längst vergessen haben. Ohne ihre Brust und ihre Milch können wir nicht leben, und sie kann uns jederzeit verschlingen. Unsere „Autonomie“ ist nichts als Einbildung.

Ich rede auch davon, dass wir nie alles verstehen werden, dass die gesamte Existenz wie unser jeweiliges Leben ein Geheimnis ist und immer bleiben wird. Mit der Wirklichkeit des Lebens kommen wir in Berührung, wenn wir uns berühren lassen. So sehr wir uns außen schützen mögen, innerlich sind und bleiben wir nackt und schutzlos. In der Wahrnehmung dieser Nacktheit und Schutzlosigkeit liegt paradoxer Weise unser Schutz. Denn sie sind unsere Wahrheit. Wenn man sie sieht, wird man ruhig und gelassen und handlungsfähig. Dann kämpft man nicht gegen das, was ist, sondern geht mit der Bewegung und tut das, was not tut. Das gilt auch für den Klimawandel.

Und ich rede davon, dass wir begreifen, dass alles, was wir schaffen, im Grunde nichts ist. Es kann uns jederzeit genommen werden, und es wird uns auch zu seiner Zeit – also zu einer Zeit und unter Umständen, die wir nicht bestimmen – genommen. Was immer wir tun, was immer wir aufbauen, wie immer wir uns schützen – es ist immer begrenzt, es ist nie von Dauer und nie absolut. Genau wie unser eigenes Leben. Es geht darum, von unserem hohen Ross zu steigen, unsere Winzigkeit zu sehen und im Bewusstsein dieser Winzigkeit zu leben, so lange es uns gegeben ist. Dann kann man sogar glücklich sein.

Die Flut könnte uns dies lehren, wenn wir sie als Anlass zur Besinnung nehmen. Das Schockierende an ihr ist, dass sie uns unsere Nichtigkeit zeigt, die Nichtigkeit unserer Pläne, unserer „Sicherheit“, unseres gesamten Lebensgefühls. Es gibt nichts Festes, nichts Bleibendes. Der moderne Glaube, wir hätten die Natur und das Leben im Griff, ist nichts als eine Luftblase. Alles, was wir haben, ist dieser Augenblick. Und auch den „haben“ wir nicht – er IST.

Wilfried Nelles
Nettersheim-Marmagen, 25. Juli 2021

 

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